Die graue Frau

Einst lebte in Vingard die junge Maid Theodora. Sie war unsterblich verliebt, doch ihre Gefühle wurden nie erwidert. Ritter Alwin von Rauenstein wusste nicht einmal, wer die Frau war, deren Herz seinetwegen zerbrach.

Mal für Mal, wenn er durch Vingard ritt, stand Theodora an ihrem Fenster und winkte ihm zu. Galant, wie er war, erwiderte er ihre zaghafte Geste Tag für Tag. Doch bald begab es sich, dass der edle Ritter zu Ruhm und Abenteuer in ferne Länder aufzubrechen gedachte. Als Theodora vernahm, dass sie auf lange Zeit ihren Helden nicht sehen würde, da zerbarst ihr Herz in tausend Scherben.

In der Nacht, als Alwins Schiff auslief, schlich sie auf den Turm der Hafenmauer und winkte ihm ein letztes Mal zu, doch er sah sie in der Dunkelheit der Nacht nicht. Zurückgewiesen und von Schmerz überwältigt taumelnd, stürzte sie sich in die dunklen Fluten.

Als Alwin viele Monde später zurückkehrte, sah er nur, dass am Fenster nie wieder eine Maid stand und grüßte.

Seither erzählt man sich:
Immer wenn ein Schiff ausläuft und an Bord jemand ist, der die Liebe einer anderen nicht erkennt, erscheint auf dem Turm eine grau-weiße Gestalt. Sie hebt die Hand zum Gruß und stürzt sich hinab in die Tiefe.

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