Tief im Innersten, mein Kind, hast du es schon immer gewusst, trotzdem lass es dir noch einmal von mir gesagt sein: Geister gibt es sehr wohl, und sie sind äußerst gefährlich. Die neunmalklugen Magister und Gelehrten mögen die Geister verlachen, so viel sie wollen, zu den neuen Göttern beten, ihre magischen Studien betreiben und unseren Volksglauben als Ammenmärchen abtun. Aber wir, welche die alten Wege kennen, wissen, dass das nur das Pfeifen eines verängstigten Kindes im Walde ist. Die Geister sind überall auf Argen. Unsichtbar lauern sie im Verborgenen, in den Schatten einer mondlosen Nacht genauso wie im Nebel über den Auen. Und sie beobachten uns. Oft sind sie an die Stätte ihres Todes gebunden. Du kannst schnell ihren Zorn auf dich ziehen, wenn du ihre Totenruhe störst, und das ist dann gewiss kein Spaß. Aber manchmal versuchen sie auch, mit der Welt der Lebenden in Verbindung zu treten, weil noch etwas getan werden muss, weil eine letzte Aufgabe noch unerledigt ist. Wenn du ihre Zeichen richtig zu deuten weißt, kannst du ihnen helfen, auch wenn du keine Belohnung empfangen wirst, die über das Wissen hinausgeht, einem Geist zur letzten Ruhe verholfen zu haben. Es sei denn natürlich, es war der Wunsch des ruhelosen Geistes, dass jemand seinen versteckten Schatz finden soll, da hast du Recht, mein Kind. Aber ich verwette mein Leben, dass dies niemals der Fall sein wird, egal wie sehr du es dir auch wünschen magst.
Schlimm sind die Geister der Krieger, die im höchsten Kampfrausch getötet wurden. Sie durchstreifen ruhelos alte Schlachtfelder und die Ruinen der Burgen, die sie einst belagert oder verteidigt haben. Ihr unbändiger, an Bösartigkeit grenzender Zorn lässt sie keine Ruhe finden. Sie versuchen oft, eine arme Seele zu befallen, um noch einmal durch ihren Körper Schwert oder Keule zu schwingen und ein letztes Mal dem Blutrausch zu spüren. Hüte dich, wenn du denkst, du könntest nächstens einfach so durch alte, eingefallene Gemäuer schleichen, als wäre es ein harmloses Spiel. Ja, natürlich, es gibt auch Geister, die frei herumstreifen können. Manche verfolgen ihre Mörder, oder Menschen, die sie im Leben gequält und gepeinigt haben, und suchen diese des nächstens heim. Andere kehren immer wieder zu den Dingen zurück, die sie im Leben über alle Maßen geliebt haben, seine es Menschen, Tiere oder vielleicht Geschmeide oder eine Kiste voller Goldstücke. Und es gibt die Geister, die von Anbeginn der Zeit da waren, und die vielleicht an einen Ort oder ein Wesen gebunden sind. Vielleicht aber auch nicht. Das sind die schlimmsten, die, die dir das größte Grauen bereiten können. Sie kennen keinen Skrupel, keine Moral, und keinen Zweck. Sie können dich jagen, dich quälen, dich in den Tod oder den Wahnsinn treiben, wie es ihnen beliebt. Und du kannst nichts dagegen tun, außer vor Angst zu schreien. Aber auch das wird dich nicht retten.
Na, nun weine doch nicht, mein Kind. Hier droht dir kein Ungemach. Diese Geister sind für gewöhnlich nicht in unserem Dorf oder den Straßen von Vingard oder Hollastein anzutreffen, denn es sind andere Orte, die sie wie magisch anziehen und an denen sie sich sammeln. Der Nordwald und das Gebirge sind es, in den sich die Geister herumtreiben. Wenn dir dein Leben lieb ist, dann hältst du dich von diesen Orten fern, mein Kind. Du kannst nie wissen, ob das Rauschen der Blätter im Wind nicht eine Armee von Geistern ist, die sich sammelt, um den Wald zu deiner letzten Ruhestätte zu machen. Du kannst nie wissen, ob der Wind in der Klamm nicht der Ruf des Geistes einer alten Vettel ist, die dich auf trügerische Pfade locken und in den Tod stürzen will. Also halte dich von diesen Orten fern, versprich mir das. Sei ein folgsames Kind, geh deinen Eltern brav zur Hand, und entferne dich nie zu weit vom Hof. Zu deinem eigenen Wohlergehen. Und jetzt schlaf hurtig ein, morgen wird wieder ein arbeitsreicher Tag.
